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23.5.2018 : 7:19 : +0200

Dem 20-jährigen Ugur Ince boten sich 2017 viele Chancen und Möglichkeiten. Für den Hattinger war es ein aufregendes Jahr als Ruhrtalent.

Ugur Ince, geboren im EvK. „Ja, im Evangelischen Krankenhaus in Hattingen. Da gibt es ja schon lange keine Geburten mehr, aber ich bin da noch zur Welt gekommen.“ Der 20-jährige strahlt. Um die Höhepunkte des Ugur-Jahres 2017 zu erreichen, brauchten andere wohl ein halbes Leben. Der Schülersprecher der Gesamtschule muss sich schon konzentrieren, um bloß nichts zu vergessen. Ach ja, auch als Ruhrtalent wurde er in diesem Jahr ausgewählt, fällt ihm ein.

„Nicht zu toppen“ waren die vergangenen zwölf Monate für ihn. „So viele Chancen, ich hab so viel erlebt, durfte so viel Neues erfahren“, schwärmt er. Und nach einem langen Interview schickt er vorsichtshalber noch einmal alle wichtigen Ereignisse als ­E-Mail. Teilnahmebescheinigung vom Junior Innovation Day an der Uni Dortmund, Teilnahmebescheinigung „Europe inside, Jugendbildungsreise“ nach Brüssel, ehrenamtliches Mitglied im Wahlvorstand bei der Bundestagswahl, Jugendpass im Erasmus-Bildungs-Projekt „Pimp my Europe“, Teilnahmebescheinigung vom Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund, Teilnahme an der Islamkonferenz, Qualifikationsnachweis Sporthelfer . . .

Ziel sind zwei Doktortitel

Fragt man ihn nach seinen Zielen, die er für die Zeit nach seinem Abitur im nächsten Jahr anstrebt, kommt er ganz unbescheiden und ehrgeizig daher: Studieren will der politisch hoch interessierte Hattinger (und Rettungsschwimmer) Jura, Politik und Philosophie und natürlich einen Doktortitel erarbeiten. Einen? „Nein, lieber zwei. Ich finde das cool.“

Und er sieht sich irgendwann für die SPD im Bundestag sitzen. Wegen des Geldes? Die Diäten wurden ja gerade erhöht. „Nein, wenn ich viel Geld machen wollte, würde ich in die Wirtschaft gehen“, ist seine spontane Antwort.

Erfahrungen in englischer Familie

Zurück zu den Ruhrtalenten. Was das Stipendium ihm in diesem Jahr ermöglicht hat, wie sehr es seinen Horizont erweitert hat, weiß er zu schätzen. „Ein Highlight war für mich die Fahrt nach Liverpool. Da hab ich zwei Wochen in einer englischen Familie gewohnt, das ist wirklich was ganz anderes, als wenn man Englisch nur in der Schule lernt. Für die Erfahrung bin ich richtig dankbar.“ Insgesamt biete der Status als Ruhrtalent so viele Möglichkeiten, sich selbst weiterzubringen durch Seminare, Workshops und Zusammenkünfte. „Da kommt man sonst gar nicht dran.“

Beeindruckt hat ihn auch die Erstwählerkonferenz vor der Bundestagswahl mit den Kandidaten verschiedener Parteien. Auch das Treffen hatten die Ruhrtalent-Organisatoren arrangiert – mit einer Testwahl. „Dabei kamen erstaunliche Ergebnisse heraus. Die waren vor der Zusammenkunft mit den Kandidaten völlig anders, als nach den Gesprächen“, staunt der 20-Jährige immer noch.

Bewerbungstipps vom Profi

Hervorragende Tipps bekamen die Ruhrtalente auch bei einem Bewerbungstraining bei Eon. Da erfuhren die jungen Ausgewählten hautnah, wie so ein Gespräch abläuft. Und sie bekamen Rückmeldungen, was gut und was falsch war. „Wenn man nach seinen Hobbys gefragt wird und angibt, dass man gerne und viel liest, dann kommt bei den Profis zum Beispiel die Aufforderung, kurz die Inhalte der letzten zehn gelesenen Bücher zusammenzufassen“, erzählt Ugur Ince beeindruckt. Fazit: Man soll nicht irgendetwas angeben, was der Überprüfung nicht standhält.

„Das Jahr 2017 war ein sehr spannendes, beeindruckendes, lehrreiches Jahr für mich.“ Es hat mit Hilfe der Ruhrtalentscouts Weichen gestellt und den jungen Deutsch-Türken weit nach vorne gebracht.







Sprachen sind ihre Leidenschaft. Die 19-Jährige, die in die Klasse 12 der Gesamtschule Hattingen geht, liebt Englisch, liebt Deutsch, liebt Italienisch. Englisch und Deutsch hat sie als Leistungskurse gewählt. „Lernen macht so viel Spaß“, sagt sie überzeugt – und man nimmt es ihr ab.

Merry Berhane-Tecle findet Englisch richtig super und möchte darin absolut fit werden. Als Ruhrtalent wurde sie nach einem Gespräch mit einem Talentscout der Westfälischen Hochschule ausgesucht. So ganz fassen kann sie das immer noch nicht. Denn obwohl sie ehrgeizig ist, die Richtung, in die es nach dem Abitur hingehen soll, ist ihr noch nicht richtig klar.

Aber genau das muss bei Schülerinnen in dem Alter auch überhaupt nicht sein. Erwartet wird von den Stipendiaten absolut nicht, dass sie mit 18 oder 19 Jahren bereits wissen, wie der berufliche Weg in den nächsten Jahrzehnten weitergehen wird. Um Sondierungsgespräche zu führen, um heraus zu finden, wo liegen meine Stärken, wo meine Schwächen, wo meine Leidenschaften, können die jungen Schülerstipendiaten jederzeit auf ihre Talentscouts zurückgreifen.

Außer Lernen, gibt es noch ein paar andere Leidenschaften für Merry, auf die sie nicht verzichten möchte: Bücher zu lesen und Sport zu treiben ist ihr ganz wichtig. Beides macht sie glücklich. Und obwohl sie neben dem Lernen nicht richtig viel Zeit übrig hat, engagiert sie sich bei Amnesty International. Alle zwei Wochen ist sie dort zu finden. „Es gibt Veranstaltungen, auf denen wir Geld sammeln.“ Wann immer es geht, ist sie dabei.

Über das Schülerstipendium von der Westfälischen Hochschule freut sie sich riesig. „Ich hoffe, ich bekomme eine Orientierung von den Talentscouts, was für mich nach dem Abitur das Beste wäre.“ Sie hat so viele Interessen, es gibt so viele verlockende Angebote der Universitäten. „Ich freu mich auf Workshops und darauf, meine eigenen Fähigkeiten zu entdecken“, sagt Merry Berhane-Tecle.

Sie würde richtig gerne mal eine Reise nach England machen. „Nur 14 Tage in einem fremden Land zu sein, bringt einen sprachlich nicht wirklich weiter“ findet sie.

Die Orientierung mit Hilfe der Talentscouts ist für sie so wichtig, weil sie genau weiß, was sie nicht will: „Für mich wäre es schlimm, wenn ich irgendwann nach dem Abitur feststelle: Ich habe den falschen Weg eingeschlagen, das ist nichts für mich“, sagt die junge und talentierte Schülerin.





Was sie sich in den Kopf setzt, das zieht sie auch durch. Offenbar war das mit ein Kriterium für die Talentscouts, Dilara Kilic als Ruhrtalent auszusuchen. Die 17-jährige Schülerin der Gesamtschule Hattingen hat ihre schulischen Stärken genau da, wo so viele andere passen müssen: in Mathematik. „Das ist mir schon immer leicht gefallen, darum habe ich auch den Leistungskurs gewählt“, sagt sie. Sie liebe Mathe, gesteht sie.

Als Kind einer türkischen Familie kam sie in Deutschland zur Welt und wuchs in diesem Land auf. Also wurde ihr die Zweisprachigkeit schon in die Wiege gelegt. Doch damit nicht genug. Englisch hat sie ebenfalls als Leistungskurs. Auf der Realschule, die sie zunächst besuchte, lernte sie bereits sechs Jahre Französisch. Jetzt paukt sie noch Italienisch, damit sie die Vielsprachigkeit erweitert.

Über das Stipendium freut sie sich. Vor allem auf die Workshops, die angeboten werden, würden weiterhelfen. Und dass die Ruhrtalente Sprachkurse im Ausland machen dürfen, findet sie ganz genial. Sie will auf jeden Fall eine Reise nach England machen und nach dem Abitur ein Studium aufnehmen.

Sie liebäugelt vor allem mit den Fächern Maschinenbau oder Bauingenieurwesen, vielleicht möchte sie aber auch in den Lehrerberuf einsteigen. Das alles ist noch nicht klar. Muss aber auch nicht, wenn man noch auf der Schule ist. Auch bei der Orientierung, wie es nach der Schulzeit weiter gehen soll, helfen die Talentscouts. Wo liegen die Stärken der einzelnen Schüler, was kann man am besten, welche Ziele haben sie?

Bücher lesen, mit Freunden treffen und neben der Schule noch Volleyball spielen und joggen gehen, das alles schafft die 17-Jährige, die noch drei Geschwister hat, offenbar problemlos.

Auf das Treffen mit den anderen Ruhrtalenten freut sie sich jetzt schon.



Marika Happich bringt Schule und Arbeit unter einen Hut

Die 17-Jährige wurde von einem Lehrer für das Projekt Ruhrtalente vorgeschlagen. Sie interessiert sich nicht nur für politische Diskussionen, sondern auch für das Wirtschaftssystem.

Ausgewählt wurde sie von ihrem Geschichtslehrer an der Gesamtschule Hattingen: Marika Happich (17) aus Blankenstein. Vom zuständigen Talentscout der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen hatte er die Unterlagen bekommen und riet ihr, sich für ein Stipendium zu bewerben.

So ganz genau wusste sie nicht, was sie sich darunter vorstellen sollte. Wíe die Förderung aussehen sollte, war ihr – wie so vielen anderen – nicht klar. „Bewerben – ja, kann man ja mal machen“, dachte sie sich und wurde zum Bewerbungsgespräch eingeladen.

Die Jugendliche, die noch fünf jüngere Geschwister zwischen 13 und einem Jahr hat, geht regelmäßig nach der Schule arbeiten. Wie macht man denn so etwas? „Das ist alles eine Frage der Organisation“, sagt sie selbstbewusst. Sie hat früh Verantwortung übernommen, hat aber auch enorm viel Power.

Mit 13 Jahren hat Marika Happich Zeitungen ausgetragen, dreimal in der Woche arbeitet sie neben der Schule. Am Ende des Tages sei es tatsächlich immer irgendwie viel. Aber der Sonntag bleibe ja zum Ausschlafen.

Sozialwissenschaften und Englisch mag sie in der Schule ganz besonders. Sich mit gesellschaftlichen Zusammenhängen zu befassen, findet sie besonders spannend. Eine Reise durch Skandinavien ist ein Traum, den sie sich mal erfüllen möchte. Neugierig und unternehmungslustig ist die Schülerin schon immer gewesen. „Seitdem ich 13 Jahre alt bin, will ich unbedingt eine Weltreise machen. Aber damit muss ich wohl noch warten“, fürchtet sie.

Was sie nach der Schule konkret machen möchte, weiß sie noch nicht so recht. „Auf jeden Fall etwas mit Menschen.“ Da ist das Feld allerdings noch weit offen. Dolmetscher käme in Frage, aber auch Logopädin.

Was sie auch interessiert, ist die Politik. Da fällt der Apfel nicht weit vom Stamm. Denn der Vater sitzt für die Linken im Rat der Stadt Hattingen und Politik ist eben immer Thema in der Familie. „Ich finde es ganz interessant, wie Politik funktioniert“, sagt Marika Happich „und auch das Wirtschaftssystem“. Zum Beispiel habe es ja eine enorme Diskussion um den Mindestlohn gegeben. Wenn der doch so gut sei, warum streiten sich dann die Politiker um so ein Thema. Da interessieren sie die Hintergründe.

Dass sie als Ruhrtalent ausgewählt worden sei, freut sie mittlerweile sehr. Seit der Einführungsveranstaltung in der Hochschule Gelsenkirchen sei ihr auch klarer geworden, welche Chancen sich für sie eröffneten.

Zu ihren ganz besonderen Leidenschaften gehört seit einiger Zeit das Dichten und Texten für Poetry Slams. Ansonsten trifft sie – wie viele in ihrem Alter – in ihrer (wenigen) Freizeit gerne Freunde. Aber das sei ja nichts Besonderes. Das mache ja wohl jeder, meint die 17-Jährige.



Die Schüler-Uni der Ruhr-Universität bietet die Teilnahme an Vorlesungen und Seminaren an. Dabei geht es laut Projektmanagerin Gillmann nicht darum, Eliteschüler auszubilden.
Das muss man auch erst einmal hinbekommen, dass man neben der Schule Zeit hat, schon ein wenig an der Ruhr-Universität zu studieren. Zoé Marie Ehm (16), Lukas Alexander Platte (17) und Jonas Schröder (16) schaffen das ganz gut. Sie besuchen die Schüler-Uni der Ruhr-Universität und haben dafür ein einmaliges Stipendium von 250 Euro durch die Arbeitgeberverbände Ruhr/Westfalen, dem langjährigen Kooperationspartner der Ruhr-Uni, bekommen. Das hilft bei der Anschaffung von Büchern, beim Zeitmanagement nicht. Uni-Zeit bleibt Extra-Zeit.
Einserkandidaten
Ehm geht auf ein Gymnasium in Castrop-Rauxel, Schröder auf eins in Hattingen, Platte, der aus Bochum kommt, besucht die Gesamtschule in Hattingen. Er hat ohnehin nicht das so oft zitierte G8-Problem. Also eigentlich gar keine Zeit für Aktivitäten abseits der Schule, weil Unterricht sowie dessen Vor- und Nachbereitung so viel Zeit in Anspruch nimmt. Auch er aber muss sich seine Zeiten, die er an der Ruhr-Uni verbringen möchte, freischaufeln. Ehm und Schröder aber bekommen das nach eigener Aussage auch „ohne Probleme hin“.
Allen dreien hilft, dass sie eben in der Schule nicht nur gut, sondern sehr gut sind. Alle drei sind Einserkandidaten und in ihren Planungen für die Zukunft schon klar aufgestellt. Ehm will Mathematiklehrerin werden, Schröder etwas in Richtung Informatik machen, Platte am liebsten Medizin studieren. Entsprechend haben sie sich aus dem speziellen Vorlesungsprogramm für die Schüler-Uni, Vorlesungen oder Seminare herausgesucht.
Platte zum Beispiel eine der Sportmedizin. „Da bin ich dann am Montag in der ersten Stunde und am Dienstagnachmittag an der Ruhr-Uni. Ich fehle gar nicht in der Schule.“ Schröder lässt mit Erlaubnis der Schule regelmäßig Mittwochs die Mathematik-Stunde sausen. „Das ist kein Problem. Den Stoff kann ich immer leicht aufholen.“ Ehm besucht am Dienstag und Mittwoch eine Vorlesung mit Übung. „Die Übung mache ich aber nur, wenn es zeitlich passt.“
Tiziana Gillmann, Projektmanagerin der Schüler-Uni, begleitet und unterstützt die Schüler auf ihrem Weg an der Ruhr-Uni. „Es geht im Projekt nicht darum Eliteschüler auszubilden, sondern Schüler, die selbstständig, zielgerichtet und engagiert arbeiten können und wollen, frühzeitig und kontinuierlich weiter zu fördern, ihnen Chancen und Möglichkeiten eines Studium aufzuzeigen und sie für ein Studium zu begeistern, ihnen die Chancen einer frühen Orientierung zu geben, ihnen Perspektiven aufzuzeigen und sie möglicherweise Leistungsgrenzen erfahren zu lassen.“
Keine einmalige Maßnahme
Die Förderung beschränkt sich dabei nicht auf eine einmalige Maßnahme, sondern kann sich über mehrere Jahre routinemäßig erstrecken. Gillmann: „Die Schüler-Uni soll als Förderangebot dazu beitragen, dass ein verwertbarer Kenntniserwerb über den schulischen Rahmen hinaus für die spätere (universitäre) Ausbildung erfolgt.“