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26.9.2017 : 3:55 : +0200

In der Gesamtschule ist die Dokumentation über einen jungen Syrer zu sehen.Sie beschreibt Todesangst und das langsame Ankommen in Hattingen
Sein Heimatland Syrien hat Mohammad Krouma (19) im Oktober 2014 verlassen, seit Anfang dieses Jahres lebt er in Hattingen. Mit dem Lehrer Veysel Hezer hat er die Route seines Fluchtweges von der Millionenstadt Damaskus in die Ruhrstadt auf einer Stellwand nachgezeichnet, die von heute an in der Gesamtschule in Welper zu sehen ist – als Teil einer Ausstellung mit dem Titel „Geflohen, vertrieben – angekommen?!“.
Krouma besucht die Jahrgangsstufe 11 der Gesamtschule. Er ist einer von zwei Flüchtlingen in der Oberstufe, sagt Veysel Hezer. Hezer, der seit Jahren enge Kontakte zum Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge pflegt, hat dessen Wanderausstellung an die Gesamtschule geholt. Sie soll die Erinnerung an die Ereignisse der Flucht und Vertreibung der Deutschen von 1933 bis 1945/46 beleben. Mit Oberstufenschülern und Stadtarchivar Thomas Weiß hat Hezer die Stellwände des Volksbundes um Informationen zu Flüchtlingen in Hattingen ergänzt. Diese wie Kroumas auf einer großen Europakarte dargestellte Fluchtroute machen das Ausstellungsthema und seinen aktuellen Bezug (be)-greifbarer, hofft der Geschichtslehrer.
Zudem wird es begleitend zur Ausstellung Gespräche mit Flüchtlingen geben. Mit Zeitzeugen, die über Flucht und Vertreibung während des Zweiten Weltkrieges sprechen. Und mit Mohammad Krouma, der von seiner Flucht über die Balkanroute erzählen wird.
Turner im syrischen Nationalteam
Einen Einblick darin, was ihm in dieser Zeit widerfahren ist, gibt er bereits vorab: Dass er seine ­Heimat vor gut zwei Jahren wenige Monate vor dem Abitur verlassen habe, um dem Militärdienst zu entgehen, aus Angst um sein Leben, sagt er. Dass er gehofft habe, in der Türkei eine neue Heimat zu finden. Dass er dort aber weder zur Schule gehen noch seinem Sport nach­gehen konnte – als Turner war er Mitglied des syrischen Nationalteams.
In diesem Februar entschloss er sich daher, seine Flucht fort­zusetzen. Binnen 18 Tagen – in denen er Todesangst in einem überfüllten Schlauchboot hatte und ihm, als er an der österreichisch-ungarischen Grenze als Flüchtling „entdeckt“ wurde, mit der Rückführung in die Türkei gedroht wurde – erreichte er Deutschland.
Hoffnung auf ein Studium
„Angekommen?!“ fragt die Ausstellung. Mohammad Krouma zögert bei der Antwort darauf, ob das für ihn gilt. Anfangs sei es schwer gewesen hier, ohne Kenntnisse der Landessprache. Doch inzwischen kann er gut Deutsch. Er hat eine Wohnung – zusammen mit einem Freund aus Damaskus, der vor einigen Monaten ebenfalls nach Deutschland geflohen ist. Er turnt für das Turnzentrum Bochum-Witten in der zweiten Liga. Er hoffe, so der 19-Jährige, bald als Asylsuchender anerkannt zu werden, seinen Schulabschluss zu schaffen, danach hier arbeiten oder studieren zu können. – „So langsam“, sagt Mohammad Krouma, „bin ich hier angekommen.“
Sabine Kruse  (WAZ)