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26.9.2017 : 3:54 : +0200

Bieten alles, aber von uns ist nicht die Rede

„Wir haben ein ausgefeiltes System“, sagt Dr. Elke Neumann, Leiterin der Gesamtschule. „Doch von uns ist überhaupt nicht mehr die Rede.“ Womit sie nicht nur die Hattinger Gesamtschule, sondern die Schulform an sich meint. Statt dessen werde nur noch über Gymnasien, Realschulen und Gemeinschaftsschulen diskutiert.“
Sie ist nicht die Einzige, bei der der Schulstreit im Land Kopfschütteln auslöst. Dr. Heinz Niggemann vom Gymnasium Waldstraße steckt zwar mitten in Klausurarbeiten und schafft es am Dienstag nicht, sich zu dem Thema zu äußern. Doch Gerd Buschhaus vom Gymnasium im Schulzentrum springt der Gesamtschule bei und macht darauf aufmerksam, dass diese schon seit Jahren Schüler mit allen Abschlüssen versorgt.
Landesweit sind Eltern und Lehrer empört, weil die CDU eine Einladung zu Gesprächen mit der Landesregierung über einen Schulfrieden abgelehnt hat. Sie wollte sich nicht mit der Linkspartei an einen Tisch setzen. Der Wunsch auch vor Ort: Die Sache, die Interessen von Schülern, Eltern und Lehrern in den Mittelpunkt rücken und die Parteipolitik ins Abseits stellen.
Die maximale Vielfalt an Schulformen belastet Eltern und Schüler, ist Dr. Neumann überzeugt. Sie plädiert dafür stattdessen die Schulformen zusammenzuführen, wünscht sich Mut und Weitsicht und dass alle Schultypen auf den Prüfstand kommen. Erst recht angesichts sinkender Schülerzahlen. Eltern wüssten oft nicht, wie sie mit den ganzen Angeboten umgehen sollen.
„Mir kommen die Tränen“, sagt sie, wenn Eltern von Rückläufern vor ihr sitzen und möchten, dass ihr Kind an der Gesamtschule aufgenommen wird. Das sei ein Trauerspiel. Die Kinder bräuchten mehr Entwicklungsspielraum, „den sie bei uns haben. Bei uns werden nicht die Guten aussortiert und wer es nicht schafft, fliegt raus.“
Im Zusammenspiel von Stärkeren und Schwächeren profitiert ihrer Ansicht nach nicht nur der Schwächere. „Wer schneller fertig ist und dem anderen erklärt, lernt auch dabei.“ Statt nur intern zu diskutieren, sollten sich Politiker „einmal gönnen, sich mit Eltern, Schülern und Lehrern in Ruhe an einen Tisch zu setzen.“ Kinder, Jugendliche, ihre Mütter und Väter bräuchten Sicherheit für eine gute Entwicklung. Deshalb müssten alle Schultypen auf den Prüfstand, evaluiert und Schlüsse daraus gezogen werden, statt dass „jeder vor sich her wirtschaftet.“ Und die Übergänge müssten passen.
Wichtig wäre Gerd Buschhaus, Ruhe in den Schulbetrieb zu kriegen, handwerkliche Fehler der auf acht Jahre verkürzten Gymnasialzeit bis zum Abitur zu beheben, „ehe man die nächste Sau durchs Dorf treibt“. So wird es im übernächsten Schuljahr ein Doppelabitur geben, wenn Jahrgänge nach 12 und 13 Jahren zum Abitur antreten. Zunächst sollten Erfahrungen mit G 8 abgewartet werden.



Bildungskonferenz - Hürden beim Übergang in Berufe

Schüler informieren sich im Infomobil der Metall- und Elektroindustrie über Ausbildungsberufe. Foto: Bernd Lauter / WAZ FotoPool

Regionales Management soll Wege ebnen. Erste Bildungskonferenz in Hattingen knüpft Netzwerke.
„Ich komm’ da nicht rein. Lauter Anzugträger“, sagt ein Jugendlicher an der Bushaltestelle vor der Gesamtschule und schaut an seiner Jeans hinunter. Er ist längst drin. Denn es ist seine Schule. Nur ist ein Teil umfunktioniert zum Schauplatz der ersten Bildungskonferenz im EN-Kreis. Bei der geht es darum, wie die, die jetzt auf den Bus warten, später nicht endlose Warteschleifen drehen oder überhaupt nicht ins Berufsleben befördert werden.
Die Premiere, so Landrat Arnim Brux, „bedeutet natürlich nicht, dass wir erst jetzt anfangen mit der Bildung“. Seit vielen Jahren sei der Kreis gemeinsam mit Städten und Bildungsträgern aktiv. Die Region sei gut aufgestellt. Allerdings wirkt auch der Schock einer Untersuchung 2008 noch nach, nach der 1500 Jugendliche in EN keinen Schulabschluss haben und „auch bei uns durchs Raster fallen“. Das sei sozialpolitisch, für die Jugendlichen persönlich und volkswirtschaftlich eine Katastrophe.
Der Landrat räumt ein, dass es sehr viel, „fast schon einen Dschungel an Trägern und Maßnahmen gibt“. Sinnvoll sei, alles zu erfassen, transparent zu machen und zu vernetzen. In einem neu aufgelegten Landesprojekt sollen Bildungsnetzwerke aufgebaut werden. Denn der Übergang in den Beruf klappt längst nicht mehr automatisch. Er wird jetzt regional gemanagt. Wofür am Mittwoch, gemeinsam mit der Stadt Hagen und der Agentur Mark, in der Gesamtschule ebenfalls der Startschuss fiel. Bund und EU fördern das Projekt im Rahmen des Programms „Perspektive Berufsabschluss“.
Was den Schritt ins Berufsleben so schwierig gemacht hat? „Wir sind in Welper“, sagt Prof. Rainer Bovermann, der dem Lenkungskreis des Bildungsnetzes EN vorsitzt. 10 000 Menschen arbeiteten auf der Hütte, 800 bis 1000 Azubis wurden dort ausgebildet. Gewohnte Übergänge sind verschwunden, einfache Jobs weg, zwei oder drei Berufe zu haben ist heutzutage normal.
Dazu kommt: Eltern arbeiten oft beide, Arbeits- und Wohnort liegen weit auseinander, so dass Kinder und Jugendliche oft nicht einmal vom Beruf des Vaters und der Mutter eine Vorstellung haben. Geschweige denn vom Rest der Berufswelt. RÜM, das Regionale Übergangsmanagement, bringt Bewegung in den Berufseintritt. Projektleiter Bernd Höller stellte den 160 Tagungsteilnehmern Einzelheiten vor. Ludwig Hecke, Staatssekretär im NRW-Ministerium für Schule und Weiterbildung, ging auf die regionale Gestaltung ein.
Foren diskutierten bis zum Abend, wie Schulen mit Unternehmen zusammenarbeiten können, ob Jonas und Ayse gleiche Chancen haben, welche Rolle Eltern in der Berufsorientierung spielen und die Berufsorientierung auf dem Stundenplan.
Beim Einstieg in die Ausbildung, so die Erfahrung der Bildungsexperten, tun sich ausländische Jugendliche schwerer. Der ist die größere Hürde als danach der Schritt in den Beruf. Einen Beruf wünschen sich auch Jugendliche, die draußen auf den Bus warten. Die Schule tue viel, um die Arbeitswelt in die Gesamtschule zu holen, sagt Leiterin Elke Neumann. Praktika, Berufsorientierung, Bewerbungstraining. 170 Schüler sind im neunten, 150 im zehnten Jahrgang. „Alles Individuen.“ Die viele Berufsperspektiven kennenlernen müssten.
Kommentar: Es muss Jugendlichen nützen
Viele Schulen machen tolle Dinge, aber außerhalb weiß niemand davon, hieß es gestern auf der ersten Bildungskonferenz. Das soll sich ändern, indem gesammelt, gesichtet und ausgewertet wird. Genauso wie das, was wer wo wem danach anbietet, damit der Übergang in den Beruf klappt. Und nicht jeder das Rad neu erfindet.
„Es gibt nur eines, was auf Dauer teurer ist als Bildung: keine Bildung“, hat der amerikanische Präsident John F. Kennedy gesagt. Falsche Bildungsanstrengungen können aber auch ganz schön teuer werden. Etwa dann, wenn sie vor allem auf den wirtschaftlichen Erfolg für die Betreiber von Maßnahmen zielen. Den Dschungel des Übergangs zu lichten, auszusieben, ist eine sinnvolle Maßnahme. Im Mittelpunkt der Bemühungen müssen aber auf jeden Fall die Jugendlichen stehen. Ihnen müssen die Anstrengungen nützen. Früher konnten Hauptschüler Polizist werden, heute braucht man Abitur. Vielleicht sollten nicht nur die Übergänge auf den Prüfstand.

Brigitte Ulitschka



Lernend durch die Drehtür WAZ 19.11 Nina Estermann

Sprachbegabte Schüler der Gesamtschule Welper können die zweite und dritte Fremdsprache parallel wählen.
Es gibt Kinder, die schon mit den Anforderungen eines normalen Stundenplans kämpfen müssen. Und es gibt Michelle, Lina und Mirjam. Die haben in der sechsten Klasse nicht zwischen Latein und Französisch gewählt – sie haben sich für beide Sprachen entschieden.
„Drehtür“ nennen sie dieses Unterrichtsmodell an der Gesamtschule Welper – und die drei Mädchen machen durchaus einen beschwingten Eindruck. Seit einem Jahr lernen sie nun die zweite und dritte Fremdsprache parallel.
Je zwei Stunden Unterricht absolvieren die drei Schülerinnen pro Woche in Latein und Französisch – ihre Mitschüler haben vier Stunden Zeit, den Stoff zu lernen. „Man muss schon mehr zu Hause machen“, sagt Michelle (12). Doppelte Hausaufgaben, doppelte Vokabelmenge – für manchen würde die Drehtür wohl schnell zur Tretmühle.
Warum sie sich für das Parallelmodell entschieden haben? „Wenn man viele Sprachen kann, dann kann man auch einen besseren Beruf finden“, sagt Lina (11). Schließlich wird das Latinum für diverse Studiengänge vorausgesetzt.
Schulleiterin Dr. Elke Neumann ist stolz auf ihre Schülerinnen. „Wir wollen flexibel begabte Schüler fördern“, erklärt sie. Auch in den naturwissenschaftlichen Fächern gibt es Zusatzangebote.
Im vergangenen Jahr wurde das sprachliche Förderprogramm zum ersten Mal angeboten. Fünf Sechstklässler entschieden sich dafür – nach einem Jahr sind Michelle, Lina und Mirjam übrig geblieben. Die beiden Jungen, die mit ihnen starteten, haben sich für eine der beiden Sprachen entschieden. Von den derzeitigen Sechstklässlern wollte niemand die Drehtür nehmen.
Die Mädchen sind Sprachtalente. „In Englisch hatten wir schon vorher gute Noten“, sagt Mirjam. Ein Spaziergang ist das Drehtürprojekt aber nicht. „Englisch ist leicht“, sagt Lina, „Französisch ist schwerer, und Latein ist noch schwerer.“ Trotzdem haben alle drei Mädchen gute Noten.
„Ich bemühe mich natürlich, dass ich in den zwei Stunden, wo sie nicht da sind, nichts wirklich neues mache“, sagt Lateinlehrerin Sabine Ebert. Wenn die Mädchen im Französischunterricht seien, gehe es für die Mitschüler eher um vertiefende Übungen. Schwächere Schüler sollen davon profitieren.
Ihre Freundin habe sie für verrückt erklärt, als sie sich für den doppelten Unterricht entschieden habe, erzählt Mirjam: „Sie hat gesagt: Das schaffst du nie, das ist viel zu viel“. Doch bis jetzt läuft alles gut für die 12-Jährige. „Nur wenn ich gerade einmal etwas nicht verstehe, dann ist es blöd“, sagt sie.
Schulleiterin Neumann legt Wert darauf, dass die Drehtür ein reines Förderinstrument sein soll. „Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen“, sagt sie. Deshalb sei auch ein Schritt zurück möglich – oder auch eine Drehung in eine andere Richtung, der Entwicklung der Jugendlichen entsprechend.
Kommentar: Der Hermine-Effekt
Was die drei Mädchen an der Gesamtschule Welper leisten, erinnert an Harry Potters smarte Freundin Hermine Granger. Um im dritten Hogwarts-Schuljahr alle Fächer belegen zu können, die sie möchte, benutzt die junge Zauberin im Buch einen Zeitumkehrer. Dieser ermöglicht es ihr, zeitgleich an zwei Orten zu sein.
Teilen müssen sich die Drehtür-Mädchen nicht. Mehr leisten als ihre Klassenkameraden aber schon. Allein: Sie müssen nicht, sie haben sich freiwillig dafür entschieden. Wie Hermine, die sich die Zeit nahm, mehr zu lernen, als sie musste.
In dieser Hinsicht zeigt das Drehtür-Modell klar die Vorteile der Gesamtschule auf. Denn während die Schüler an Gymnasien angesichts der verkürzten Schulzeit immer stärker unter Druck geraten, stehen Lehrern und Schülern an der Gesamtschule weiterhin sechs Schuljahre in der Sekundarstufe 1 zur Verfügung. Das ist einfach ein ganzes Jahr mehr, um Neigungen nachzugehen, Talente zu fördern und Defizite auszugleichen. Zeit, die an der Gesamtschule Welper sinnvoll genutzt wird.

Foto: Udo Kreikenbohm/WAZ FotoPool



Lernend durch die Drehtür WAZ 19.11 Nina Estermann

Sprachbegabte Schüler der Gesamtschule Welper können die zweite und dritte Fremdsprache parallel wählen.
Es gibt Kinder, die schon mit den Anforderungen eines normalen Stundenplans kämpfen müssen. Und es gibt Michelle, Lina und Mirjam. Die haben in der sechsten Klasse nicht zwischen Latein und Französisch gewählt – sie haben sich für beide Sprachen entschieden.
„Drehtür“ nennen sie dieses Unterrichtsmodell an der Gesamtschule Welper – und die drei Mädchen machen durchaus einen beschwingten Eindruck. Seit einem Jahr lernen sie nun die zweite und dritte Fremdsprache parallel.
Je zwei Stunden Unterricht absolvieren die drei Schülerinnen pro Woche in Latein und Französisch – ihre Mitschüler haben vier Stunden Zeit, den Stoff zu lernen. „Man muss schon mehr zu Hause machen“, sagt Michelle (12). Doppelte Hausaufgaben, doppelte Vokabelmenge – für manchen würde die Drehtür wohl schnell zur Tretmühle.
Warum sie sich für das Parallelmodell entschieden haben? „Wenn man viele Sprachen kann, dann kann man auch einen besseren Beruf finden“, sagt Lina (11). Schließlich wird das Latinum für diverse Studiengänge vorausgesetzt.
Schulleiterin Dr. Elke Neumann ist stolz auf ihre Schülerinnen. „Wir wollen flexibel begabte Schüler fördern“, erklärt sie. Auch in den naturwissenschaftlichen Fächern gibt es Zusatzangebote.
Im vergangenen Jahr wurde das sprachliche Förderprogramm zum ersten Mal angeboten. Fünf Sechstklässler entschieden sich dafür – nach einem Jahr sind Michelle, Lina und Mirjam übrig geblieben. Die beiden Jungen, die mit ihnen starteten, haben sich für eine der beiden Sprachen entschieden. Von den derzeitigen Sechstklässlern wollte niemand die Drehtür nehmen.
Die Mädchen sind Sprachtalente. „In Englisch hatten wir schon vorher gute Noten“, sagt Mirjam. Ein Spaziergang ist das Drehtürprojekt aber nicht. „Englisch ist leicht“, sagt Lina, „Französisch ist schwerer, und Latein ist noch schwerer.“ Trotzdem haben alle drei Mädchen gute Noten.
„Ich bemühe mich natürlich, dass ich in den zwei Stunden, wo sie nicht da sind, nichts wirklich neues mache“, sagt Lateinlehrerin Sabine Ebert. Wenn die Mädchen im Französischunterricht seien, gehe es für die Mitschüler eher um vertiefende Übungen. Schwächere Schüler sollen davon profitieren.
Ihre Freundin habe sie für verrückt erklärt, als sie sich für den doppelten Unterricht entschieden habe, erzählt Mirjam: „Sie hat gesagt: Das schaffst du nie, das ist viel zu viel“. Doch bis jetzt läuft alles gut für die 12-Jährige. „Nur wenn ich gerade einmal etwas nicht verstehe, dann ist es blöd“, sagt sie.
Schulleiterin Neumann legt Wert darauf, dass die Drehtür ein reines Förderinstrument sein soll. „Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen“, sagt sie. Deshalb sei auch ein Schritt zurück möglich – oder auch eine Drehung in eine andere Richtung, der Entwicklung der Jugendlichen entsprechend.
Kommentar: Der Hermine-Effekt
Was die drei Mädchen an der Gesamtschule Welper leisten, erinnert an Harry Potters smarte Freundin Hermine Granger. Um im dritten Hogwarts-Schuljahr alle Fächer belegen zu können, die sie möchte, benutzt die junge Zauberin im Buch einen Zeitumkehrer. Dieser ermöglicht es ihr, zeitgleich an zwei Orten zu sein.
Teilen müssen sich die Drehtür-Mädchen nicht. Mehr leisten als ihre Klassenkameraden aber schon. Allein: Sie müssen nicht, sie haben sich freiwillig dafür entschieden. Wie Hermine, die sich die Zeit nahm, mehr zu lernen, als sie musste.
In dieser Hinsicht zeigt das Drehtür-Modell klar die Vorteile der Gesamtschule auf. Denn während die Schüler an Gymnasien angesichts der verkürzten Schulzeit immer stärker unter Druck geraten, stehen Lehrern und Schülern an der Gesamtschule weiterhin sechs Schuljahre in der Sekundarstufe 1 zur Verfügung. Das ist einfach ein ganzes Jahr mehr, um Neigungen nachzugehen, Talente zu fördern und Defizite auszugleichen. Zeit, die an der Gesamtschule Welper sinnvoll genutzt wird.

Foto: Udo Kreikenbohm/WAZ FotoPool



Eine Schule für alle, 16.06.2010, Timo Klippstein

Ältere Schüler der Gesamtschule Hattingen helfen 5 Klässlern sich in der Schule zurechtzufinden.

Die Gesamtschule kombiniert verschiedene Leistungsstärken und hält Schullaufbahnen möglichst lange offen.
Die Gesamtschule ist ein Experiment – erstmals konkret umgesetzt in der Weimarer Verfassung von 1919. In den 1960er Jahren entwickelte sich die integrierte Gesamtschule. Die Idee dabei: eine Schule einzurichten für alle Kinder und Jugendlichen, unabhängig von Herkunft, Fähigkeiten oder Neigungen.
„Die Gesamtschule ist eine Schule für alle. Die Gemeinschaftsschule gibt es schon“, sagt Dr. Elke Neumann, Schulleiterin der Gesamtschule Hattingen. Es sei ein differenziertes Schulsystem, weniger eine Schulform. Das bezieht die Ganztagsschule mit ein, die auch Raum bieten soll soziales Verhalten zu üben.
Die integrierte Gesamtschule ersetzt die drei traditionellen Schulformen und führt die Stufen fünf bis zehn sowie eine gymnasiale Oberstufe. An die Stelle einer starren vertikalen Gliederung der Schulformen tritt in der Sekundarstufe I (Klasse fünf bis zehn) eine vielfältige und flexible Organisation des Unterrichts innerhalb einer Schule. Andere Formen des Unterrichts ergänzen dabei die Jahrgangsklasse. Beispiele sind Wahlpflichtangebote und Förderungen für stärkere und schwächere Schüler. „Unterschiedliche Menschen brauchen unterschiedliche Förderungen“, erläutert Elke Neumann.
Im Klassenverband erteilen Lehrer den Unterricht in den Klassen fünf und sechs. Ab Stufe sechs legen die Schüler erste Schwerpunkte, indem sie ein weiteres Fach wählen: eine zweite Sprache (Französisch/Latein) nach Englisch, Arbeitslehre (Technik und Hauswirtschaft) oder Naturwissenschaften. „Unsere Erfahrung ist, dass sich Kinder besser entwickeln, wenn sie länger im gemeinsamen Verbund bleiben und lernen“, sagt Schulleiterin Elke Neumann.
Dennoch gibt es unterschiedliche Fähigkeiten seitens der Schüler. Und die bedürfen passender Angebote. Die Gesamtschule löst dies, indem sie Grund- und Erweiterungskurse anbietet, die unterschiedlich hohe Anforderungen stellen. Mindestens drei Erweiterungskurse müssen Schüler mit der Note befriedigend abschließen – dann erlangen sie den mittleren Abschluss (Fachoberschulreife) nach Klasse zehn und sind zugleich berechtigt, die gymnasiale Oberstufe von Gymnasium und Gesamtschule zu besuchen – der Weg zum Abitur.
Die Alternative: Bildungsgänge am Berufskolleg. Zur Gesamtschule gehören Ergänzungsstunden. Diese fördern in den Fächern Deutsch, Mathematik, den Fremdsprachen, Naturwissenschaften und im Wahlpflichtfach.
Die Debatte um die Gesamtschule speist sich aus politischen, pädagogisch-didaktischen und letztlich ideologischen Diskursen. So ist eine These, das es gesellschaftspolitisch entscheidend sei, Kinder verschiedener sozialer Schichten gemeinsam zu unterrichten – Chancengleichheit. Angeführt wird auch der Anspruch auf allgemeine Bildung für alle Kinder und Jugendlichen. Unterschiedliche Begabungen, Interessen und Neigungen der Kinder seien nicht so früh zu erkennen und daher eine vorzeitige Trennung ungünstig. „Kindheit ist eine Entwicklungsphase“, sagt Neumann. Daher setzt die Gesamtschule auf breites Fächerangebot, gestaltet die Stundenpläne beweglich, um auch für Sport, Musik, Kunst und Darstellen Zeit und Raum zu haben.



Ein System aus einem Guss, WAZ v. Timo Klippstein

Elke Neumann, Schulleiterin der Gesamtschule, spricht sich für ein differenziertes Schulsystem aus – und gegen das gegliederte
Frau Neumann, wo sehen Sie die Stärken des momentanen Schulsystems?
Das gegliederte Schulsystem sollte längst der Vergangenheit angehören. Ein System, das in weiten Teilen Leistung durch Aussortieren filtert, leistet selbst zu wenig. Angst als Lernanreiz vernichtet Entwicklungspotenziale. Wollen wir uns erfolgreich im internationalen Wettbewerb behaupten, müssen wir unseren Kindern in allen Lebensphasen optimale Unterstützung zukommen lassen.
Wo liegen die Schwächen?
Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder, deren Eltern sich Nachhilfe nicht leisten können, wären oft intellektuell in der Lage, ganz oben auf der Leistungsskala präsent zu sein. Sie müssen von der Gesellschaft gestützt werden. Erfolgreiche Förderung kostet etwas. Große Lerngruppen und die Angst, die Schule wechseln zu müssen, helfen nicht. Eine Gesellschaft, die sich auf eine kleiner werdende Leistungsspitze verlässt, setzt ihre Lebensqualität grob fahrlässig aufs Spiel.
Was würden Sie ändern, hätten Sie die Möglichkeit?
Wir brauchen ein System aus einem Guss. Starke Schüler dürfen so wenig gebremst werden, wie Schwache vernachlässigt. Ich kann mir nur ein flexibles, hoch differenziertes Gebilde vorstellen, das dies leisten kann. Ohne Schulwechsel zum Abitur sollte der Maßstab sein.



Das Schulsystem : Viele Möglichkeiten WAZ, Timo Klippstein

An der Gesamtschule Hattingen bieten 100 Lehrer ein komplexes Angebot für 1220 Schüler.
„Wir geben den Kindern und Jugendlichen Möglichkeiten“, sagt Schulleiterin Elke Neumann. Dies bezieht sich auf den Förderunterricht am Nachmittag, in dem es Deutsch für Kinder mit Migrationshintergrund und Sprachtalente gibt. Dies gilt für das Drehtürmodell der zweiten Fremdsprache in der sechsten Stufe: Schüler können Latein und Französisch wählen, aber auch beide Fächer.
Es gibt Arbeitsgruppen für die Klassen fünf und sechs. Die Lehrer fördern Sprach- und Leseverständnis. Bis zur Klasse zehn kann zudem die Sprache der Herkunft herangezogen werden, um Leistungen in anderen Fächern auszugleichen. Das Konzept zu fördern, formuliert die Schulleiterin so: „Was mache ich, damit die Schüler es soweit wie möglich schaffen?“ Dabei helfen Methoden wie kooperatives Lernen, Tischarbeit oder Lernen lernen. Der Akzent im Unterricht liegt dabei mehr auf dem Schüler. In Klasse sieben differenziert die Schule zwischen Englisch und Mathematik, zudem legt die Gesamtschule Hattingen Akzent auf bilingualen Unterricht – zum Beispiel gesellschaftliche Fächer in der Fremdsprache. Auch Italienisch in der Stufe elf sei ein „Riesen-Anreiz“.
Die Schulleiterin betont, dass Wege nicht zu früh festgelegt seien und der Bereich Technik und Gestalten eine tolle Möglichkeit bietet etwas zu schaffen. „Es ist ein Ausgleich, wo Kinder und Jugendliche im Schulalltag mit Büchern erschlagen werden.“
Ein Gegenpunkt setzt dazu die Mittagspause: Eine Stunde haben die Schüler Zeit für Essen, Fußball auf dem Sportplatz, Lese- und Ruheraum oder den Seilgarten.
Wichtige Themen sind auch Schüler sozial und gesund zu erziehen, Energie zu sparen – ein Verhältnis zur Umwelt zu entwickeln. Ebenfalls fest verankert: die Vorbereitung zur Berufswahl. ab Stufe acht, in der Schüler Betriebe besuchen und ein Jahr später ein Praktikum absolvieren. Hinzu kommt die Kooperation mit Hochschulen in Bochum und Dortmund, sowie der Firma Reuschling.