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19.2.2019 : 10:06 : +0100

Bioethik im Diskurs - Bericht der Ruhr-Universität Bochum

„Das letzte, worüber ich vor einer Abtreibung nachdenken würde, ist Geld.“ Die 17-jährige Vanessa hat eine klare Meinung, die sie gegenüber ihrer Mitschülerin Ramona (19) vehement vertritt: „Leben“ hat für sie keinen „ökonomischen“ Wert, da spielen andere Aspekte doch eine bedeutend größere Rolle. Die Schülerinnen sitzen im Workshop „Was ist der (perfekte) Mensch?“, eigentlich ist gerade Textarbeit vorgesehen, doch anhand des bisher Gelesenen ergeben sich bereits eifrige Diskussionen untereinander. „Wir befassen uns mit grundlegenden ethischen Positionen zur Abtreibung. Da bleibt die persönliche Meinung natürlich nicht aus.“
Die Fragen, was ein „normaler“ oder ein „perfekter“ Mensch ist, wie man mit Behinderung umgeht, was Lebensqualität ist und vieles mehr beschäftigt Vanessa und Ramona an diesem Freitag noch lange Zeit. Insgesamt neun Workshops zu verschiedenen Themen laufen im Tutorenzentrum (TUZ) auf dem Campus der Ruhr-Universität, wo rund 100 Schülerinnen und Schüler an dem Großprojekt „Bioethik im Diskurs“ teilnehmen. Hier arbeiten die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) und die RUB erstmals zusammen. Zugleich ist es das erste interdisziplinäre Projekt im Alfried Krupp-Schülerlabor für Geisteswissenschaften der RUB. Zu Gast in Bochum ist die komplette Jahrgangsstufe 12 der Städtischen Gesamtschule Hattingen.
Diskussion erwünscht
Dr. Gudrun Kordecki vom Institut für Kirche und Gesellschaft der EKvW hat das Projekt initiiert. Mit dem geisteswissenschaftlichen Schülerlabor, dem einzigen dieser Art an einer deutschen Hochschule, und mit fünf Fakultäten der RUB fand sie die idealen Kooperationspartner dafür. Ist sie zufrieden mit dem bisherigen Verlauf? „Ja, sehr! Die Einführungsvorlesung von Professor Klaus Steigleder war dem Niveau der Schüler angemessen und sehr interessant. Und dass hier jetzt schon so rege diskutiert wird, ist toll. Es geht uns ja um den ethischen Diskurs, und wenn der von Anfang an läuft, dann bin ich hoch zufrieden.“
Organtransplantation, Suizid, „Mensch 2.0“, die Würde des Embryos: Die Schülerinnen und Schüler packen heiße Eisen an. Sie haben den Tag ausführlich vorbereitet, sie lesen sich weiter ein, erarbeiten sich in Gruppen ihr jeweiliges Thema anhand von Leitfragen, sie stellen selbst Fragen an die betreuenden Lehrer und Dozenten. Das gesamte Tutorenzentrum ist emsig. Bei Prof. Dr. Stefan Wiese (Biologie) sitzen Alexander (18), Sebastian (18), Franziska (17) und Lisa (18) konzentriert über einem Text. Es geht um „chimäre Lebewesen“ – Mischformen aus menschlichen und tierischen Zellen, „hergestellt“ für die Stammzellenforschung. „Die Engländer befürworten das als einzige“, erklärt Alexander, „daher lesen wir jetzt auch etwas auf Englisch.“ Prof. Wiese ist begeistert: „Die Vorbereitung war sehr gut, die Schüler sind kompetent und haben bereits ein gutes Hintergrundwissen.“ In seinem Workshop geht es natürlich nicht nur um die naturwissenschaftlichen Dimensionen der „Chimären“: „Die Schüler lernen etwas über das biologisch-technische Verfahren, aber auch über die ethischen Aspekte. Das thematisiere ich auch stets in meinen Vorlesungen.“
Austausch in der Mensa
Den Schülern merkt man an, dass sie mit Interesse und Spaß bei der Sache sind. „Das ist auf jeden Fall eine Abwechslung zum sonstigen Unterricht“, sagt der 19-jährige Florian. Auch die begleitenden Lehrerinnen und Lehrer – insgesamt acht – ziehen gegen Mittag ein positives Zwischenfazit der Premiere von „Bioethik im Diskurs“: „Das Projekt lohnt sich“, sagt zum Beispiel Kirsten Hinzmann, Religions- und Französischlehrerin. „Sich in dieser Ausführlichkeit sich mit den Themen auseinanderzusetzen, ist in der Schule kaum möglich. Daher ist die Atmosphäre hier doch sehr gut, um intensiv darüber nachzudenken.“
Wie intensiv das ist, lässt Ramona aus dem Workshop zum perfekten Menschen durchblicken: „Ich hoffe, dass wir uns in der Mensa mit den anderen Gruppen austauschen können, denn die haben auch interessante Themen.“
Fortsetzung nach erfolgreicher Premiere
Nach dem Essen geht es weiter: Erst kommt der „Feinschliff“ für die Ergebnisse der Gruppenarbeit, dann präsentieren die Schüler ihr jeweiliges Thema und ihre Erkenntnisse im Plenum. Zum Abschluss eines langen und spannenden Tages an der Uni haben sie Gelegenheit, mit Professoren und Dozenten der fünf beteiligten Fakultäten zu diskutieren (Biologie, Jura, Philosophie, evangelische und katholische Theologie). Für den Biologie-Professor Dr. Klemens Störtkuhl, der maßgeblich an dieser Kooperation mitgewirkt hat, steht schon fest, dass das Projekt „Bioethik im Diskurs“ in dieser Form wieder stattfinden und den Schulen der Umgebung angeboten wird.
Jens Wylkop
Fotos: Marion Nelle
Weitere Informationen:
Prof. Dr. Klemens Störtkuhl, Ruhr-Universität Bochum
Tel. 0234/32-25838, -29222, E-Mail: klemens.stoertkuhl@rub.de
Dr. Gudrun Kordecki, Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen
Tel. 02304/755-330, E-Mail: g.kordecki@kircheundgesellschaft.de
Dr. Gilbert Heß, Alfried Krupp-Schülerlabor für Geisteswissenschaften der RUB
Tel. 0234/32-24723, E-Mail: gilbert.hess@rub.de
Dr. Elke Neumann, Städtische Gesamtschule Hattingen
Tel. 2324/681-710, E-Mail: Schulleitung@ge-hattingen.de